Botschaft aus der Kirche per Video Agenda Was tun bei Fotos & Berichte Angebote Über uns Downloads Links  

Die Geburt des christlichen Glaubens aus dem leeren Grab. Eine Auslegung.

Was ist Ostern? Was feiern wir?
Dass die Erklärung zum Fest gehört, das kann niemand in Zweifel ziehen, und dort wo keiner das Wort ergreift, gibt es mindestens den Gedanken, dass halt die Kraft und die Schönheit, die Fruchtbarkeit und eben das Leben selber verdient, gefeiert zu werden.
So würden viele zeitgenössischen Partygänger wohl einfach sagen: «Party erklärt sich selbst, du musch aifach go, denn merksch scho, dass es geil isch.»
Aber historische Feste, wiederkehrende Feste, die leben von Erklärungen und zelebrieren sie immer aufs Neue.
Doch manchmal werden die Erklärungen ausgehöhlt und verlieren ihre Bedeutung, sie machen dann vielleicht anderen oberflächlicheren, aber einsichtigeren Erklärungen Platz.
Die trifft bei Ostern sicher zu. Die oberflächlichere Erklärung, dass wir das Leben feiern, den Frühling, die in der Blüte stehende Fruchtbarkeit der Natur und Kreatur, das ist den meisten Erklärung genug.
Das christlich begründete Osterfest scheint ja auch ein ursprünglich heidnisches Frühlingsfest überlagert und verdrängt zu haben, das nun aber immer stärkere und fröhlichere Urstände feiert.
Aber was ist die christliche Begründung, wo und wie ist sie zu finden.
Ostern ist die Auferstehung des Herrn.
Ostern ist die Geburt des Bekenntnisses, die Geburt des christlichen Glaubens: Christus ist auferstanden, er ist in Wahrheit auferstanden.
Dabei ist der Begriff Geburt in doppelter Hinsicht hilfreich.
Erstens, weil der Glaube selber als etwas Geburtliches und Lebendiges gesehen werden muss, von Glaube zu reden, macht nur Sinn, wenn von den Menschen, die diesen Glauben erwerben und leben, gesprochen wird.
Zweitens ist der Begriff Geburt hilfreich, weil er uns ja auch an die Geburt Christi erinnert.
Und wie es über diese Geburt keine historisch beweisbaren Berichte gibt, sondern nur den Glauben an Jesus bezeugende Legenden, so gilt das Gleiche auch bei der Geburt des Osterglaubens.
Es gibt auch da keine historisch sicheren Berichte, es gibt nur Legenden und Anekdoten, welche diesen Glauben begründen.
Ein wichtiger Ort, aus dem einige Osterlegenden entstanden, aus dem der Osterglaube geboren wurde, ist das leere Grab.
Ob das leere Grab selber zu beweisen ist – oder ob es eben nur ein sehr stimmiger, symbolhafter Ort für die Geburt des Osterglaubens ist, das muss offenbleiben.

Bild: Rembrandt Harmensz van Rijan, Christus und Maria Magdalena, 1651, Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig, Quelle: public domain https://commons.wikimedia.org

Auf jeden Fall ist das leere Grab im Johannesevangelium der Ausgangspunkt von einer Osterlegende, die bei genauem Ansehen aus verschiedenen Geschichten zusammengesetzt erscheint.
Zuerst ist es die wahrscheinlich berühmteste Ostergeschichte, nämlich diejenige der Maria Magdalena, wie sie etwa bei Johannes 20,1-18 beschrieben ist. (Anmerkung der Redaktion: Um den folgenden Ausführungen zu folgen, schlagen Sie den Text am besten auf.
Maria kommt zum Grab und sieht, dass der Stein weggerollt ist.
Sie eilt zurück zu den beiden Jüngern. Der eine ist Petrus, aus den andern Evangelien bekannt und prominent, der andere ist der, nur im Johannesevangelium so bezeichnete, Lieblingsjünger.
Und schon kommt der Satz von Maria, aus dem jedem Leser sofort klar wird, dass da in dieser Geschichte etwas nicht stimmt.
Sie sagt: «Sie haben den Herrn aus dem Grab genommen, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben.» Wir wissen nicht. Dabei ist sie doch allein.
Und vorher noch: Sie hat nur gesehen, dass der Stein entfernt ist. Ins Grab hineingeschaut hat sie noch gar nicht, woher will sie wissen, dass der Leichnam nicht mehr drin ist?
Man kann sich diese Irrtümer nur erklären, wenn man davon ausgeht, dass ursprünglich anders erzählt wurde und die Änderungen dann nicht alle alten Spuren gelöscht haben.
Und diese alten Spuren deuten auf die Geschichte vom leeren Grab, die Lukas überliefert.
Dort sind es mehrere Frauen, unter ihnen Maria Magdalena, die am Morgen zum Grab gehen, um den Leichnam mit gut duftendem Oel zu balsamieren.
Sie gehen ins Grab hinein, finden keinen toten Jesus, dafür zwei Männer mit blitzenden Gewändern, die ihnen sagen, dass Jesus auferweckt wurde.
Und sie gehen zurück, um die Jünger über das, was sie erlebt haben, zu informieren.
Und diese Information dient dazu, dass schliesslich Petrus zum Grab kommt und sich dort über dessen Leere verwundert.
Johannes will aber eigentlich etwas anderes erzählen.
Er möchte erzählen, wie Maria Magdalena im Tränenschleier dieser Verwechslung verfällt, dass sie den auferstanden Jesus zunächst für den Gärtner hält und ihn erst durch das Aussprechens ihres Namens, Maria, erkennt.
Nun galt es aber als ausgemacht, und dies hat sicher Johannes gewusst, dass Petrus der erste war, der zum Osterglauben gefunden hatte.
Darum muss vor der Verwechslungsgeschichte der Maria, zuerst noch die andere Geschichte erzählt werden, diejenige von Petrus, wie er das leere Grab betrat.
Und weil aber das Erlebnis der Maria auch in der Nähe des Grabes spielt, muss man sie dort gleichsam warten lassen, bis die Sache mit Petrus vorbei ist.
Da dem Evangelisten die Geschichte von Maria so wichtig ist, fängt er doch mit ihr an – und es sind bei ihm jetzt nicht mehrere Frauen, die am Morgen zum Grab gehen, es ist Maria allein.
Aber als eine der Frauen hat sie natürlich auch die Aufgabe, den Jüngern, und unter ihnen eben Petrus, die Information über das offene und leere Grab zu überbringen.
Bei Johannes macht sie es allein, weil sie ja auch allein unterwegs war.
Ihr Satz «Wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben» ist eine Spur davon, dass es ursprünglich mindestens drei Frauen waren, die das leere Grab entdeckt hatten.
Was der Verfasser allerdings vergisst, er sagt gar nicht, wie und warum Maria, dann auch wieder zum Grab zurückkommt.
Nach der Szene von Petrus und dem Lieblingsjünger steht sie, als wäre sie nie weggegangen, immer noch draussen vor dem Grab und weint.
«Maria aber stand draussen vor dem Grab und weinte.»
Doch müssen wir jetzt auch noch die Petrusszene, die bei Johannes gleichzeitig eine Lieblingsjüngerszene ist, genauer ansehen.
Wie wir wissen, hat der Lieblingsjünger auf die nach ihm benannte johanneische Gemeinde einen grossen Einfluss ausgeübt.
Dass er dabei in Konkurrenz zu Petrus trat, dem Fels der Urgemeinde, das zeigt die zweite Ostergeschichte, die in den Mariatext hineinverwoben ist.
Und so ist jetzt also noch von diesem merkwürdigen, schon fast grotesken Wettrennen zum Grab zu berichten.
Sie laufen zusammen los. Petrus und der Lieblingsjünger.
Der eine Urgestein bis heute der katholischen umfassenden Kirche, der andere klarer Favorit des Evangeliumschreibers Johannes.
Und deshalb ist er auch schneller auf den Beinen.
Er gelangt zuerst zum Grab, schaut nur hinein, stellt fest, dass da keiner mehr drin liegt.
Und schon rückt auch Petrus an. Und der geht nun ganz in die Grabkammer hinein, sieht nicht nur die abgelegten Leichenbinden, sieht auch das Schweisstuch, zusammengerollt, hingelegt an einem andern Ort.
Es ist das der Moment, wo der geneigte Leser sich geflissentlich die Frage stellt, was denn nun wohl der Grund sein könnte für die Erwähnung dieser pedantischen Ordnung der zurückgelassenen Leichenwäsche.
Die Antwort kommt allerdings nicht über Vermutungen hinaus:
Bezüglich des leeren Grabes kursierte schon bald die Behauptung, der Leichnam sei gestohlen worden, aus was für Gründen auch immer.
Und weil es dieses leidige Gerücht gab, musste ihm auch etwas entgegengesetzt werden.

So wäre das Ganze als Hinweis zu lesen, dass Diebe nur schwerlich eine solche Ordnung hinterlassen.
Im Vergleich mit der Weihnachtsgeschichte ist mir noch ein anderer Gedanke gekommen – und ob den sonst schon jemand gehabt hat, weiss ich nicht.
Aber so, wie bei Lukas als Geburts-Erkennungs-Zeichen für die Hirten die Windeln und die Krippe genannt werden, könnten hier die Leinenbinden und das Schweisstuch solche Erkennungs-Zeichen für die Geburt aus dem Grabe sein.
Vom Lieblingsjünger wird dann noch explizit gesagt, dass er auch hineingeht und vom Sehen zum Glauben kommt.
Ob er dabei Petrus schon wieder überholt, oder ob der den Glauben auch schon gefunden hat, bleibt, diesmal wohl mit Absicht, offen.
Der folgende Satz scheint allerdings den Glauben von beiden gleich wieder in Frage zu stellen:
Denn noch hatten sie die Schrift, dass er von den Toten auferstehen müsse, nicht verstanden.
Vielleicht ist aber dieser Satz auch wieder ein vergessenes Überbleibsel einer vorangegangen und veränderten Fassung.
Osterlegenden, Geburtsgeschichten des Osterglaubens, Geschichten, die den Glauben an die Auferstehung Jesu aus dem Grab begründen:
Es ist schon merkwürdig, wenn man einerseits diese ziemlich kunterbunten, in einander verzahnten und auseinander korrigierten Geschichten mit ihren brüchigen Schnittstellen anschaut, aus denen man nicht recht klug werden kann, und auf der andern Seite bedenkt, was aus diesen Erscheinungen, aus dem damals geborenen Glauben, aus dem: «ich habe ihn gesehen», was daraus geworden ist: Eine Weltreligion mit ihren vielfältigen Kirchen, eine weltweite Leitkultur, die ihre Jahre immer noch auf die Geburt dieses Jesus zurückführt, und eben auch auf die Geburt des Glaubens an ihn, dann ist es schon sehr erstaunlich.
Dass da etwas weiterlebt, dass er lebt in seinen Ansprüchen, in seinen Liebestaten und in seiner Hoffnung, darüber braucht niemand zu zweifeln.
Dass sie aber auch lebt, die Einladung, an seine Überwindung des Todes zu glauben, dass muss jedes von uns selber sehen und erkennen, in den Geschichten, die er hinterlässt, in den Erfahrungen, von denen sie handeln, und in den Erfahrungen, die wir im Vergleich dazu selber machen. Amen
Hansjakob Schibler, Pfarrer

 
Chile-Agenda
Die neue Ausgabe von unserer April-Chile-Agenda ist ab sofort als pdf-Datei online.
Chile-Agenda
Die neue Ausgabe von unserer März-Chile-Agenda ist ab sofort als pdf-Datei online.
Melden Sie sich für unseren Newsletter an.
mehr...
Nächste Anlässe: